Wirtschaft & Arbeit

Kooperation im Wirtschaftsleben

Fast alles, was wir im täglichen Leben benötigen, entsteht durch die Arbeit anderer Menschen.

Unsere Nahrung wird angebaut, verarbeitet und transportiert. Häuser werden geplant und gebaut. Kleidung wird hergestellt. Energie wird erzeugt. Menschen entwickeln Maschinen, Software und Medikamente, pflegen Kranke, reparieren Geräte und erbringen unzählige Dienstleistungen.

Kein Mensch könnte all das allein hervorbringen.

Schon darin zeigt sich eine grundlegende Wahrheit des Wirtschaftslebens:

Wirtschaft beruht auf gegenseitiger Abhängigkeit.

Wir arbeiten füreinander.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir wirtschaften müssen, sondern:

Wie gestalten wir eine Wirtschaft, die dem Menschen und dem Leben dient?

Die Aufgabe der Wirtschaft

Wirtschaft hat zunächst eine einfache und grundlegende Aufgabe:

Sie soll die Bedürfnisse von Menschen durch Güter und Dienstleistungen befriedigen.

Dafür müssen Ressourcen gewonnen, Produkte hergestellt, Leistungen erbracht und Güter verteilt werden.

Unternehmen, Unternehmer und Beschäftigte erfüllen dabei wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Initiative, Erfindungsgeist, Leistungsbereitschaft und wirtschaftliche Kompetenz sind unverzichtbar.

Problematisch wird Wirtschaft nicht dadurch, dass Menschen erfolgreich wirtschaften oder Gewinne erzielen.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, welchem Zweck wirtschaftliches Handeln letztlich dient.

Wird der Mensch zum Mittel für die Wirtschaft?

Oder bleibt die Wirtschaft ein Mittel für den Menschen?

Vom Selbstversorger zur arbeitsteiligen Welt

In einer modernen Gesellschaft produziert kaum jemand hauptsächlich für sich selbst.

Der Landwirt erzeugt Lebensmittel für andere.

Die Ärztin behandelt andere Menschen.

Der Handwerker baut für andere.

Die Programmiererin entwickelt etwas, das andere nutzen.

Und mit dem Einkommen aus dieser Tätigkeit beziehen sie wiederum Leistungen, die andere Menschen erbracht haben.

Je stärker die Arbeitsteilung wird, desto deutlicher wird:

Wir leben wirtschaftlich voneinander und füreinander.

Das ist ein bemerkenswerter Gedanke.

Denn während unser wirtschaftliches Denken häufig den individuellen Vorteil betont, ist die tatsächliche Wirtschaftsstruktur längst ein weltweites Netz gegenseitiger Leistungen.

Kooperation als wirtschaftliches Prinzip

Die soziale Dreigliederung verbindet mit dem Wirtschaftsleben traditionell den Gedanken der Brüderlichkeit.

Weltherz würde diesen Begriff heute weiter fassen:

Kooperation, gegenseitige Verantwortung und das Bewusstsein füreinander.

Das bedeutet nicht, dass Konkurrenz vollständig verschwinden muss.

Wettbewerb kann Innovation fördern, Leistungen vergleichen und neue Lösungen hervorbringen.

Doch Konkurrenz allein kann nicht das grundlegende Prinzip einer lebensdienlichen Wirtschaft sein.

Denn wirtschaftliche Entscheidungen betreffen immer auch andere Menschen.

Produzenten.

Beschäftigte.

Kunden.

Lieferanten.

Regionen.

Kommende Generationen.

Und die natürlichen Lebensgrundlagen.

Eine Eden-Kultur fragt deshalb nicht nur:

„Was bringt mir den größten Vorteil?“

sondern ebenso:

„Welche Folgen hat mein wirtschaftliches Handeln für andere?“

Drei Bereiche – drei verschiedene Prinzipien

An dieser Stelle wird die Eigenständigkeit der sozialen Dreigliederung besonders deutlich.

Im Geistesleben soll sich der Mensch möglichst frei entwickeln können.

Im Rechtsleben begegnen sich Menschen als Gleichberechtigte.

Im Wirtschaftsleben dagegen begegnen sich Menschen als Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten, die Leistungen füreinander erbringen.

Deshalb kann keines dieser Prinzipien einfach auf alle anderen Bereiche übertragen werden.

Eine Wirtschaft kann nicht demokratisch darüber abstimmen, wie viele Lebensmittel tatsächlich benötigt werden.

Eine politische Mehrheit kann nicht bestimmen, welche wissenschaftliche Erkenntnis wahr ist.

Und wirtschaftlicher Erfolg darf nicht darüber entscheiden, wie viele politische Rechte ein Mensch besitzt.

Eine gesunde Gesellschaft braucht deshalb nicht die Herrschaft eines Prinzips, sondern das ausgewogene Zusammenspiel unterschiedlicher Bereiche.

Ein eigenständiges Wirtschaftsleben

Auch das Wirtschaftsleben braucht einen eigenen Gestaltungsraum.

Menschen, die produzieren, handeln, Dienstleistungen erbringen oder bestimmte Güter benötigen, besitzen Wissen und Erfahrungen, die für wirtschaftliche Entscheidungen notwendig sind.

Nicht jede wirtschaftliche Entscheidung kann sinnvoll von einer zentralen staatlichen Stelle getroffen werden.

Gleichzeitig bedeutet wirtschaftliche Eigenständigkeit nicht, dass Wirtschaft außerhalb des Rechts stehen darf.

Das Rechtsleben setzt den Rahmen, innerhalb dessen wirtschaftliches Handeln stattfindet.

Arbeitsrechte, Eigentumsrechte, Umweltregeln oder der Schutz vor Ausbeutung sind gesellschaftliche Rechtsfragen.

Das Recht setzt Grenzen.
Innerhalb dieser Grenzen gestaltet die Wirtschaft ihre Zusammenarbeit.

Diese Unterscheidung schützt beide Seiten:

Der Staat soll nicht jeden wirtschaftlichen Vorgang lenken.

Aber wirtschaftliche Macht soll auch nicht den Staat beherrschen.

Wirtschaftliche Macht und politische Macht

Eine besondere Herausforderung entsteht dort, wo sich wirtschaftliche und politische Macht miteinander verbinden.

Wer über große wirtschaftliche Mittel verfügt, kann versuchen, politischen Einfluss zu gewinnen.

Umgekehrt kann politische Macht genutzt werden, um bestimmten wirtschaftlichen Interessen Vorteile zu verschaffen.

Eine Eden-Kultur sollte deshalb darauf achten, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht automatisch zu größerer politischer Macht führt.

Im Wirtschaftsleben dürfen Menschen unterschiedlich erfolgreich sein.

Im Rechtsleben bleiben sie gleichberechtigte Bürger.

Geld darf wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen – aber keine zusätzlichen Menschen- oder Bürgerrechte kaufen.

Gerade darin zeigt sich die Bedeutung eigenständiger gesellschaftlicher Bereiche.

Arbeit ist mehr als Einkommen

Arbeit besitzt für den Menschen mehrere Bedeutungen.

Sie ermöglicht Einkommen und materielle Sicherheit.

Sie kann aber auch Fähigkeiten entwickeln, Gemeinschaft schaffen, Selbstwirksamkeit vermitteln und das Gefühl geben, etwas Sinnvolles beizutragen.

Deshalb sollte die Frage nach guter Arbeit nicht allein lauten:

„Wie produktiv ist ein Mensch?“

Sondern auch:

„Unter welchen Bedingungen arbeitet er?“
„Kann er seine Fähigkeiten einsetzen?“
„Wird seine Würde geachtet?“
„Erlebt er einen Sinn in seiner Tätigkeit?“

Der Mensch darf nicht auf einen Produktionsfaktor reduziert werden.

Arbeit dient der Wirtschaft – aber Wirtschaft sollte letztlich dem Leben dienen.

Leistung und Verantwortung

Eine Eden-Kultur ist keine Kultur der Leistungslosigkeit.

Menschen dürfen etwas schaffen.

Sie dürfen Unternehmen gründen.

Sie dürfen Neues entwickeln, Risiken eingehen und mit ihren Ideen erfolgreich sein.

Initiative und Unternehmergeist können enorme schöpferische Kräfte freisetzen.

Doch mit wirtschaftlicher Freiheit wächst auch wirtschaftliche Verantwortung.

Ein Unternehmen beeinflusst nicht nur seine Eigentümer.

Es beeinflusst Beschäftigte, Kunden, Lieferanten, Gemeinden und häufig auch Natur und Umwelt.

Deshalb stellt sich neben der Frage nach dem Gewinn eine zweite Frage:

Welchen Wert schafft ein Unternehmen für das Ganze?

Beide Fragen müssen sich nicht widersprechen.

Langfristig kann gerade verantwortliches Wirtschaften Vertrauen, Stabilität und nachhaltigen Erfolg ermöglichen.

Was bedeutet Wohlstand?

Unsere Gesellschaft misst wirtschaftlichen Erfolg häufig anhand von Einkommen, Wachstum, Produktion und Konsum.

Diese Größen sind wichtig.

Aber sie beschreiben nicht vollständig, ob Menschen gut leben.

Ein Mensch kann materiell wohlhabend sein und dennoch unter Zeitdruck, Einsamkeit oder Sinnverlust leiden.

Eine Gesellschaft kann wirtschaftlich wachsen und gleichzeitig ihre natürlichen Lebensgrundlagen beschädigen.

Eine Eden-Kultur braucht deshalb einen umfassenderen Begriff von Wohlstand.

Dazu gehören auch:

Zeit.
Gesundheit.
Sicherheit.
Bildung.
Beziehungen.
Sinnvolle Arbeit.
Eine intakte Natur.
Und die Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Wohlstand bedeutet dann nicht möglichst viel Besitz.

Er bedeutet gute Lebensmöglichkeiten.

Eigentum und Verantwortung

Eigentum ermöglicht Freiheit.

Wer über Dinge verfügen kann, kann gestalten, investieren und Verantwortung übernehmen.

Doch Eigentum besitzt zugleich eine gesellschaftliche Dimension.

Boden, Unternehmen, Rohstoffe und große Vermögen können Auswirkungen auf viele andere Menschen haben.

Je größer diese Auswirkungen werden, desto stärker stellt sich die Frage nach Verantwortung.

Eine Eden-Kultur müsste deshalb weder Eigentum grundsätzlich ablehnen noch es als vollkommen private Angelegenheit betrachten.

Sie könnte vielmehr fragen:

Wie lässt sich persönliche Verfügung mit Verantwortung gegenüber anderen verbinden?

Nicht Besitz allein wäre dann entscheidend, sondern auch der Umgang damit.

Der Mensch ist nicht nur Konsument

Wirtschaft prägt auch unser Selbstbild.

Menschen werden häufig als Verbraucher, Kunden, Arbeitskräfte oder Zielgruppen betrachtet.

Doch der Mensch ist mehr.

Er ist Bürger.

Mitmensch.

Familienmitglied.

Schöpfer.

Lernender.

Und ein Wesen, das nach Sinn und Verbundenheit suchen kann.

Eine lebenswerte Kultur darf deshalb den Wert eines Menschen nicht danach bemessen, wie viel er produziert oder konsumiert.

Der Mensch ist nicht für die Wirtschaft da.
Die Wirtschaft ist für den Menschen da.

Wirtschaft für eine Eden-Kultur

Eine Eden-Kultur braucht keine vollkommen neue Wirtschaft, die über Nacht alle bestehenden Strukturen ersetzt.

Sie braucht eine Richtung.

Von kurzfristigem Denken zu langfristiger Verantwortung.

Von reiner Konkurrenz zu mehr Kooperation.

Von maximalem Verbrauch zu einem bewussteren Umgang mit Ressourcen.

Von Arbeit als bloßem Kostenfaktor zu Arbeit als menschlicher Leistung.

Von Gewinn als einzigem Maßstab zu einer umfassenderen Betrachtung dessen, was wirtschaftliches Handeln bewirkt.

Dabei bleiben Initiative, Freiheit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhalten.

Aber sie werden in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Eine lebensdienliche Wirtschaft fragt nicht nur, was sich verkaufen lässt.
Sie fragt auch, was Menschen wirklich brauchen.

Freiheit – Gleichheit – Kooperation

Damit werden die drei ersten Bereiche der Eden-Kultur sichtbar:

Freiheit im Geistesleben ermöglicht individuelle Entwicklung, Erkenntnis und Kreativität.

Gleichheit im Rechtsleben schützt die Würde und die Rechte jedes Menschen.

Kooperation im Wirtschaftsleben verbindet unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse miteinander.

Keiner dieser Bereiche soll die anderen beherrschen.

Und keiner kann ohne die anderen dauerhaft bestehen.

Ihre Eigenständigkeit schützt die Freiheit.

Ihr Zusammenspiel schafft Gemeinschaft.

Wir wirtschaften nicht für abstrakte Märkte.
Am Anfang und am Ende jeder Wirtschaft stehen Menschen.
Eine Wirtschaft der Zukunft wird daran zu messen sein, wie gut sie dem Menschen und dem Leben dient.

Doch wirtschaftliches Handeln findet nicht in einem unbegrenzten Raum statt. Alles, was wir produzieren und verbrauchen, ist letztlich auf die Lebensgrundlagen unseres Planeten angewiesen. Damit erweitert sich die Verantwortung über die menschliche Gesellschaft hinaus: Welche Beziehung wollen wir zur Natur und zum gesamten Leben entwickeln?